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  • AutorenbildIngeborg Weser

Getrenntsein von anderen - eine Illusion?

Ich fühle mich in bestimmten Situationen abgetrennt von anderen:


  • Ich fühle mich manchmal/oft wie ein Außenseiter. Dadurch fühle ich mich anders als andere. Ich glaube, andere finden mich seltsam und distanzieren sich von mir.

  • Mich abzugrenzen und mich durchzusetzen sind nicht meine Stärken. Deshalb passe ich mich an, dann habe ich wenigstens keine Probleme mit anderen.

  • Es fällt mir schwer, positiv über mich zu denken und mich selbst zu lieben. Ich glaube auch nicht, dass andere mich wirklich mögen.

  • Ich kann mich ziemlich über bestimmte Menschen (-gruppen) und deren Verhalten ärgern. Ich würde lieber nichts mit ihnen zu tun haben. Andere halten diese Reaktion für übertrieben, das verstehe ich nicht, denn ich habe Recht.

  • Entweder bist du mein Freund oder du bist mein Feind.

  • Ich mache, was ich will, andere tun nichts für mich. In dieser Hinsicht bin ich auf mich allein gestellt.

  • Die Welt ist ein unsicherer Ort, deshalb achte ich auf Anzeichen von Gefahr und bin so bereit, für meine Rechte zu kämpfen.

 

Es ist eins der größten emotionalen Probleme, mit denen Menschen in ihrem Leben konfrontiert sind: 'Ich fühle mich von anderen Menschen abgetrennt, ich gehöre nicht dazu, ich bin einfach ‚anders‘ als andere und deshalb bin ich nicht willkommen.'  Fast jeder kennt diese Gefühle: Sie treten oft nur in bestimmten Situationen auf, etwa wenn ich neu in einer Gruppe bin und das Sicherheitsgefühl erst noch wachsen muss. Oder wenn ich etwas weiß und fühle, was andere nicht verstehen. Für manche Menschen ist das Gefühl der 'Trennung' jedoch viel umfassender. 'Ich erlebe dann praktisch die ganze 'Welt' als feindselig. Als würde ich da nicht hineinpassen, als wäre ich als Außenseiter geboren und manchmal frage ich mich, ob mein Dasein eigentlich erwünscht ist.'


Getrenntsein existiert


Wir sprechen hier über das subjektive Gefühl des Getrenntseins: 'Ich FÜHLE mich abgelehnt', statt 'Ich WERDE ABGELEHNT'. Die Welt ist zweifellos voller 'Getrennsein', voller Kritik, Schuldzuweisungen, Diskriminierung, Misstrauen, Hass und Polarisierung. Menschen, die Menschen ausschließen. Manchmal richtet sich das gegen Einzelpersonen, manchmal gegen ganze Gruppen. Es kann überall vorkommen: zwischen Ländern, Ideologien, Religionen, aber auch im Wohnviertel, in der Schule, am Arbeitsplatz, in Freundschaften, in Liebesbeziehungen...


Und natürlich kommt es auch zuhause vor: In Familien. Auch Kinder fühlen sich oft nicht genug gesehen, gewollt und geliebt: Als ob ihre Art zu SEIN nicht ausreichend bestätigt, nicht akzeptiert oder gar abgelehnt wird. Sie fühlen sich zum Beispiel zu anspruchsvoll, zu wütend, zu laut, zu bedürftig, zu dominant, zu schön, zu schlau, zu ruhig, zu langweilig, zu wenig durchsetzungsfähig und sichtbar, zu hässlich, zu dumm oder einfach 'anders'. Kurz gesagt: 'Nicht gut genug' den Augen der anderen (zunächst Mutter und Vater und andere, die Erziehungsaufgaben haben, später auch Peergroups). Dann kann das Gefühl der „Zugehörigkeit“ unter Druck geraten. Zumindest wird es so erlebt.


Die 'Täter', die für diese Ablehnungserfahrung verantwortlich zu sein scheinen, sind (normalerweise) keine schlechten Menschen. Sie geben ihr Bestes, können aber – oft aufgrund eigener negativer Erfahrungen in ihrem Leben – das tiefe Bedürfnis des Kindes nicht ausreichend befriedigen, um eine positive Reaktion auf die Äußerungen seines „Seins“ zu geben: Ein Drama für alle Beteiligten, auch für die Eltern, denn dadurch verschlechtert sich die Qualität der Beziehung zum Kind. Das Kind erfährt dann viel Negativität, was sich einerseits ungünstig auf sein Selbstwertgefühl, andererseits aber auch auf sein Vertrauen in andere Menschen auswirkt. Das hat psychische Folgen für das Kind, in sehr verschiedenen Ausprägungen: von leichter Unsicherheit über sich selbst und die eigene Stellung in Gruppen oder in der Gesellschaft bis hin zu schrecklichen emotionalen Schmerzen, die sich äußern können in psychopathologischen Ängsten, Depressionen bis hin zu (selbst-)destruktiven Verhalten und Kriminalität.


Die Erfahrung von Getrenntsein hat Folgen


Wenn ich mich selbst als 'Ich gehöre nicht dazu' oder als eine Person erlebe, die in ihrer Gesamtheit abgelehnt wird, dann bedeutet das existenzielle Angst und Stress, denn jeder Mensch braucht das Gefühl, sich sicher zu fühlen und selbstverständlich Teil 'der Gruppe' zu sein (von Familie und Verwandten, Freunden, Nachbarn, Kollegen und Klassenkameraden in der Schule, dem Ort und Land, in dem sie leben, und sogar der Menschheit selbst ...). Das Gefühl 'Ich bin nicht oke' in den Augen anderer löst starke Schutzreaktionen aus: Manche Menschen reagieren, indem sie negativ über sich selbst denken: 'Ich bin irgendwie nicht richtig, das wird mir immer wieder bestätigt', 'Ich bin wirklich nicht gut genug'. Ich suche dann meine Zuflucht im Rückzug, zeige mich kaum und passe mich den (sogenannten) Wünschen anderer an. Dann entscheide ich mich dafür, die wahre Person in mir zu verbergen, zu vernachlässigen oder sogar zu verurteilen.


Andere nehmen aus der Erfahrung des Getrenntseins auch einen negativen Glaubenssatz mit, konzentrieren sich aber auf 'den Täter': 'Die anderen haben Unrecht, man kann ihnen nicht trauen, sie sind gefährlich, vielleicht sogar meine Feinde. Ich schütze mich dann selbst, indem ich mich hart und unbesiegbar mache.' Auch dieses Verhalten tritt in vielen Ausprägungen auf: von übermäßig unabhängigem Verhalten, Vermeiden, sich verletzlich zu zeigen, Misstrauen, alles allein machen und keine Hilfe annehmen, bis hin zu Egozentrik und Egoismus und sozial negativem, vielleicht sogar kriminellem Verhalten usw.


Diese Verhaltensmuster sind tiefgreifend. Sie entstehen früh im Leben, manchmal schon bei der Empfängnis. Erst rudimentär, dann zunehmend klarer, sie offenbaren sich in Verhaltens- und Erlebensmustern. Tatsächlich ist jeder auf die eine oder andere Weise davon betroffen. Wenn ich Glück habe, können positive Erfahrungen in meinem Leben vieles wettmachen und die Muster aufweichen. Manchmal ist es jedoch nicht möglich, dem Leid, das tief in meinem Körper und Geist verankert ist, auf diese Weise entgegenzuwirken. Dann ist die Hilfe von Profis dringend zu empfehlen. 


Auf dem Weg in ein Leben in Verbundenheit


Ein Veränderungsprozess kann erfolgreich sein, wenn dabei folgende Elemente in meiner Seele berührt werden:

• Ich werde mir der Auslöser bewusst, die das Gefühl des Getrenntseins fördern: z.B. 'Wenn ich neu in einer Gruppe bin, äußere ich mich wenig und fühle mich angespannt. Ich bin vorsichtshalber still und warte ab.'

• Ich erforsche, wie ich innerlich und äußerlich auf das Gefühl des Getrenntseins reagiere: z.B. 'Ich reagiere mit Rückzug, weil ich befürchte, dass ich hier nicht reinpasse und nicht so akzeptiert werde, wie ich bin.'

• Ich lerne zu unterscheiden zwischen Erfahrungen von Getrenntsein hier und jetzt und denen in anderen Kontexten, etwa in der Kindheit oder im Zusammenhang mit anderen schmerzhaften Erlebnissen: z.B. 'Die Art und Weise, wie ich mich in meiner Herkunftsfamilie emotional gezeigt habe, schien nicht zu passen, ich fühlte mich in dieser Hinsicht wirklich allein. Das war damals. Wenn ich jetzt in eine Gruppe komme, kommt die Angst vor dieser Einsamkeit wieder hoch. Darum entscheide ich mich dann, mich anzupassen und mich nicht zu zeigen. Also reagiere ich, als ob die Situation hier und jetzt die gleiche wäre wie damals.'

• Ich erforsche die tieferen Gefühle, die damals in mir hochkamen und öffne mich ihnen: z.B. 'Das Kind in mir fühlte sich allein und ausgeschlossen. Was ich jedoch wirklich brauchte, war die Verbindung zu meiner Mutter, meinem Vater und meinen Geschwistern zu spüren. Dass ich einfach dazugehöre.'

• Ich finde einen Weg, die damit verbundenen Gefühle von Trauer, Einsamkeit, Angst, Wut usw. zum Ausdruck zu bringen: 'Wenn ich mir vorstelle, wie ich mich damals als Kind gefühlt habe, dann merke ich, wie unsicher, ängstlich und sehr verletzlich ich war. Ich kann das jetzt in meinem Körper spüren. Mein Körper zittert vor Angst und ich möchte weinen.'

• Ich komme mit den damit verbundenen Bedürfnissen in Kontakt: Gesehen und akzeptiert zu werden, wie ich zutiefst bin: z.B. 'Ich brauche dich, auch wenn ich anders bin als du. Lass mich wissen und spüren, dass du mich, so wie ich bin, annimmst und ich zu dir gehöre.'

• Ich übersetze diese Bedürfnisse ins Hier und Jetzt: 'Ich bin gut so, wie ich bin.' Es ist zum Beispiel in Ordnung, verletzlich und bedürftig zu sein, sich auszudrücken, 'Nein' zu sagen, stark zu sein, besser zu sein als andere, erfolgreich zu sein oder scheitern zu dürfen, ein emotionaler Mensch oder ein 'Macher' zu sein usw. 'Ich verbinde mich wieder mit der Person, die ich zutiefst bin.'

• Ich mache mich auf den Weg, mich als verbunden zu erleben mit anderen Menschen und der ganzen Welt.


Getrenntsein von anderen ist eine Illusion


Wenn die Erfahrung von Getrenntsein verarbeitet wurde, in die Vergangenheit gehört und keinen Einfluss mehr darauf hat, wie ich mich selbst und andere sehe, dann bin ich wirklich frei. Dann muss ich mich nicht mehr als anders als andere, also als getrennt, erleben und verhalten. Dann kann ich anders UND verbunden sein. Wenn ich in eine Situation komme, in der mich Menschen ausgrenzen, respektlos kritisieren und sogar ablehnen, kann ich das wahrnehmen, ohne, dass sich diese Erfahrung negativ auf die Art und Weise auswirkt, wie ich mich selbst sehe und fühle. Ich bleibe mir selbst gegenüber verständnis- und liebevoll. Die negative Macht anderer wird so für immer gebrochen. Das gibt mir auch den Raum, Möglichkeiten zu erkennen, meine Gefühle auszudrücken, Grenzen zu setzen, Maßnahmen zu ergreifen, um mich selbst zu schützen, und den Kontakt zu Menschen zu suchen, die mich schätzen. Diese Haltung kann so weit gehen, dass es sogar möglich ist, dass meine Wärme und mein Verständnis auch den 'Aggressor' mit einbeziehen. Das ist die ultimative Freiheit.


Wenn Getrenntsein eine Illusion ist, dann betrachte ich mich selbst und andere aus einer höheren Perspektive: Ich verbinde mich mit meiner eigenen Menschlichkeit und mit der Menschlichkeit anderer Menschen. Ich verbinde mich mit dem, was uns zutiefst verbindet, ohne die Augen vor dem Schmerz zu verschließen, den wir einander zufügen, wenn wir die Verbindung untergraben, die tief in uns so selbstverständlich ist.


Du und Ich

Ganz anders

Und doch

verbunden.

Verbunden durch die Gesetze

Des Lebens.

Unzerstörbar.


Doch da ist Schmerz:

Über meine Trennung von dir

Und deine Trennung von mir.

Unermesslicher Schmerz.


Halte ein!

Öffne deine Augen,

Sieh Möglichkeiten,

Lass die Vergangenheit da,

Wo sie hingehört.

Werde Brückenbauer.


Nur Mut.

Arme

Und Hände

Greifen aus

Zu dir.

Weich und verletzlich.

Wie nie zuvor,

So stark.

Liebe

Für dich

Und für mich.

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